Erfinde deinen eigenen Weg

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Im warmen Abendwind fahre ich dem Dorf entgegen. Entgegen dem Ort, der meine Sehnsucht weckt. Dort knie ich nieder und sinke ein, in den Sand, der mich trägt. Ich spreche die Worte, die du mir einst gelehrt hast. Und wie ich sie sage, so erinnere ich mich an deinen Rat: „Kümmere dich um die Dinge, die dir wichtig sind, alles Andere kommt von selbst. Lasse alle Zweifel gehen, glaube und bete, sei ohne Regeln. Fühle, was dir gut tut und danke dafür. Erfinde deinen eigenen Weg zum Ziel.” Ich ließ sie in meinem Inneren hallen und prüfte, ob ich ihnen gefolgt war. „Mir waren die Augen gebunden und die Ohren verschlossen, wenn ich dich nicht bei mir hatte”, flüsterte ich dir verweifelt zu. Doch wieder hörte ich mein Innerstes und deine Stimme sprach: „Es gibt die Schönheit, die in Allem wohnt, wenn du sie erkennst, wirst du niemals einsam sein. Ich bin immer da und ich war nie fort. Du glaubst, du findest mich nur hier? Du irrst dich. Öffne dein Herz, wie du es hier machst, an jedem anderen Ort und du wirst dich niemals einsam fühlen.” Ich trocknete meine Tränen und begann zu lieben.

 

EISLAUF

 

Ich bin das zweite Mal über Eis gelaufen. Ich glaubte, ich würde einbrechen und eine Gänsehaut zog sich über meinen ganzen Rücken. Dann habe ich entschlossen, ein schöneres Bild in meinem Kopf entstehen zu lassen. Ich weiß jetzt, wie sich eine Meerjungfrau mit den Fischen unterhält und wo man unten den besten Kaffee trinkt.

 

 

♦Das Wasser war eiskalt an diesem Tag. Ich hatte lange nicht so sehr gefroren. Wenn ich die Flossen nicht schnell genug bewegte, dann hatte ich das Gefühl, als bekämen sie einen blauen Schimmer von der Kälte. Eigentlich mochte ich es nicht, so nah an der Wasseroberfläche zu schwimmen.Meine langen Haare verfingen sich in den Schilfwurzeln, wenn ich nicht vorsichtig genug an ihnen vorbei zog. Außerdem waren die Fische hier oben sehr viel unfreundlicher und mochten es nicht, wenn man vor sich her sang. Ich liebte es zu singen, vor allem in den Grotten, wo ich ein wunderbares Echo hatte. Aber hier hatte ich es mir nun verkniffen, nachdem ich den letzten garstigen Blick geerntet hatte. Ich wollte eigentlich nur schnell nach Luft schnappen, und die Sonne für einen Moment auf der Haut spüren, aber irgendwie hatte ich mich verirrt. Die Wasseroberfläche war vollkommen gefroren, sodass sich über mir eine dicke Eisschicht erstreckte. Doch am Uferrand gab es ein Loch, das genau groß genug war, um kurz den Kopf nach oben zu strecken. Ich hatte es gefunden, das Prickeln der Sonnenstrahlen auf meinen Schuppen gefühlt und war dann wieder abgetaucht. Dummerweise in die falsche Richtung.

Ich kannte meine Schwächen. Deshalb atmete ich tief ein und aus, um nicht einen Moment in Panik zu versinken. Ich war stolz darauf, dass es mir gelang und ich, außer meinem verrückten Atem, innerliche Ruhe verspürte. Doch nun wusste ich noch immer nicht, wohin ich schwimmen sollte. Eigentlich fand ich es aufregend neue Wege zu erkundigen. Ich machte das oft und entdeckte so immer wieder wunderschöne Grotten und Felsenhöhlen. Aber heute hatte ich dafür keine Zeit. Ich musste rechtzeitig zurück sein. Ich musste die Seepferdchen füttern.

Und als ich schon damit rechnete, dass ich es nicht schaffen würde und die armen Tiere hungern mussten, da kam die Lösung zu mir geschwommen. Ein kleiner kugelrunder Fisch mit dicken Flossen und großen Augen zog in einem Kreis um mich herum. „Hey, du!“, rief ich ihm zu. Erschrocken stoppte er neben mir und sah mich unsicher an. „Ich brauche deine Hilfe. Ich habe mich verirrt.“, erklärte ich ihm meine Situation. Er verstand und lächelte. Ohne ein Wort zu sagen, gab er mir zu verstehen, ihm zu folgen. Ich war etwas verwirrt, aber zuckte die Schultern und schwamm ihm hinterher. Er schien ganz genau zu wissen, woher ich kam. Er führte mich geradewegs nach Hause, wo die Seepferdchen ungeduldig gegen das Gitter schlugen. Als ich mich bedanken wollte, und mich nach ihm umdrehte, war er schon davon geschwommen. Ich hatte noch nicht einmal seinen Namen erfahren, so schnell war alles gegangen. Tatsächlich hatte ich nicht einmal verstanden, warum er mir half und wieso er wusste, wohin ich wollte. Es war mir so merkwürdig vorgekommen, dass ich noch den ganzen Abend darüber nachdachte. Bis ich plötzlich zu dem Entschluss kam, ihm zu danken. Ich tat es in meinen Gedanken und schickte ihm ein großes Stück einer Alge, das die Fische doch am liebsten aßen. Ich sah ihn, wie er genüsslich hinein biss und mir sein Lachen schenkte.

Manchmal müssen wir es nicht aussprechen, manchmal fühlen unsere Helfer, was wir brauchen. Manchmal gibt es sie in Form eines kugelrunden Fisches und manchmal sind sie die Blasen eines aufsteigenen Ungeheuers, die mir ein Zeichen geben. Und an diesem Abend fühlte ich mich unglaublich geborgen und frei, so wie schon lange nicht mehr.♦

Eine Hand voll Luft

 

♦„Zur Sonne sollst du schaun, nicht auf den Boden.”, rief sie mir aufgeregt zu. Ich weiß noch genau, wie ich mich auf die Stufen stellte, um höher zu sehen. Ich stand auf Zehenspitzen und kniff die Augen ganz leicht zusammen. „Kannst du es erkennen?”, lachte sie. Sie war neugierig zu wissen, was ich sagen würde und hüpfte umher, als konnte sie es nicht erwarten. Dann stieg ich hinunter und sah ihr ins Gesicht. Ihre Mundwinkel zuckten und ich hatte einen Funken in ihren Augen erkannt. „So wie vor zwanzig Jahren.”, sagte ich, nachdem ich meine Antwort mit Absicht etwas verzögert hatte. Ihr Lächeln verzog sich zu einem Grinsen und sie sprang aufgeregt von einem Fuß zum anderen. „Ich wusste es, es war doch klar. Jetzt brauche ich nur noch eine Kleinigkeit zu besorgen und schon können wir das Fest feiern”, sie sang ihre Worte beinahe, so sehr freute sie sich. „Kommt gar nicht in Frage. Morgen wird das Fest ohne uns stattfinden.” Ihr Lachen, ihr Körper und ihr ganzes Wesen erstarrte, so wie ich diese Worte gesprochen hatte. Ich wusste, dass sie mich zu ernst nahm und es hatte mich gestört, dass sie mich um meinen Rat fragte, ohne auf ihre innere Stimme zu hören. Ich wollte sie auf die Probe stellen und fragte sie: „Glaubst du das wirklich? Meinst du, wir werden nicht teilnehmen? Dein ganzes Wesen schrie vor Glück und Vorfreude, als du erkanntest, welcher Tag heute war. Und doch brauchtest du meine Bestätigung. Innerlich tanzest du schon auf dem Fest, doch ließest dich von meinen Worten treffen. Hör mir zu, niemand soll dir jemals sagen, was dein Weg zu sein hat, was wahr und unwahr ist. Nur du alleine wirst es wissen. Deshalb frag nicht, wenn du es doch fühlst. Sonst erstickst du dich mit einer Hand voll Luft.”♦

Ich habe die Schmetterlinge gezählt

 

 

Ich habe die Schmetterlinge in mir gezaehlt, die noch von unserer Zeit uebrig waren. Gestern bemerkte ich, dass sie es nicht waren, die bleiben wollten. Und ich weiss, es ist nicht gut, die Fluegel der Schmetterlinge zu halten. Sie werden nicht mehr fliegen koennen. Ich habe geweint und geschrien, als ich es bemerkte und in einem Moment der Ruhe entschieden, die Krallen zu entfernen. Die Schuessel, die Tasse und die Kette. All das habe ich zerbrochen und weit fortgebracht. Und wie ich es tat, so merkte ich, dass ich es nicht war, die die Schmetterlinge gehalten hatte. Denn sie kamen zu mir geflogen und kuessten mich mit ihren Fluegelschlaegen. Ich war mit ihnen frei.

Die Quelle

Sie war schon seit den ersten Sonnenstrahlen unterwegs. Manchmal fing sie an zu singen, wenn sie lief und ihre Beine trugen sie noch leichter dem Gipfel entgegen. Sie musste sich ein wenig beeilen, die Zeit reichte genau, sodass sie bei Sonnenuntergang wieder zu Hause sein würde. Es war das zweite Mal, dass sie sich auf den Weg machte, den Berg zu besteigen und ein leises Kribbeln stieg ihre Beine nach oben. Sie wusste bereits, dass es kein Leichtes sein würde, den Krug mit dem Bergwasser zu füllen, den sie bei sich trug. Auf Knien würde sie sich nach vorn robben, um die Quelle zu erreichen und nicht nach unten schauen, wo der Abgrund steil neben ihr lag. Manchmal war es besser, die Augen zu schließen, sich auf die anderen Sinne zu verlassen. Doch nichts hatte sie jemals als so heilig empfunden, wie dieses Wasser. Es war als sänge es zu ihr und schickte ihr ein Meer aus Farben. Niemandem sonst hatte sie verraten, woher sie das Wasser nahm, das man im Dorf auf die Augen der Blinden, Ohren der Tauben und Füße der Müden strich. Es gab schon immer Wunder und Sagen und sie hatte den Schlüssel dazu im Herzen. Sie trug das Wasser zu den Menschen auf Füßen der Liebe, mit der Stimme der Reinheit und dem Mut, der die Kraft besitzt zu heilen. Die Quelle alleine war das Tor.

Meere gibt es schon genug.

Das ist eine Geschichte von den Tagen im weißen Land. Ich gehöre zu den glücklichen Besuchern und kam ohne Einladung. Viele Menschen waren dort und ich trat nach ihnen ein. Volle Krüge Wein standen in allen Winkeln und ich war gebeten, mir ein Glas zu nehmen. Wenn ich mich erinnere, wie süß er mir schmeckte, kommen mir die Tränen. Nichts Vergleichbares habe ich jemals getrunken. Das weiße Land hat mir seine Tore geöffnet am Tag meiner Kündigung. Ich habe aufgehört zu sein, wer ich nicht bin. Vier Nächte war ich dort und ruhte mich aus. Ich atmete den Duft, hörte die Klänge und spielte die Lieder, die ich immer als weite Sehnsucht vernommen hatte. Sie heilten meine Sinne, meine Ohren, meine Augen und ich war bereit zu gehen. Kein Schritt zu schnell, kein Schritt zu langsam. Viele Steine musste ich übersteigen, als ich auf dem Weg zurück war. Aber meine Beine wuchsen mit jedem Stein länger und ich tat einen Schritt leichter, als den anderen. Jetzt bin ich hier und erzähle dir vom weißen Land. Keine Träne mehr, Meere gibt es schon genug.

 

In jedem Moment meines Lebens

 

Ein goldener Schleier hüllte mich in seinen Glanz. 
In dieser Nacht flocht er sein Kleid um mich
und ich schmiegte mich an seine Fasern.
Und er flüsterte in mein Ohr: 
"So golden und leicht, wie du dich nun fühlst,
so wirst du dich fühlen, wenn du dich befreit hast."
Er löste sich sanft von mir und glitt davon.
Niemals habe ich seine Worte vergessen.
Ich suche ihn in jedem Moment meines Lebens.

 

12.12.2016 – Tag der sonnengelben Strahlen

Nun bin ich offiziell mit meinem ersten Gedichtband im Buchhandel vertreten. Ab dem 12.12.2016 wird Dorothee Krauss, Sonnengelbe Strahlen, Gedichte erhältlich sein. Ich freue mich riesig!♥

 

 

STERNENSTAUB




Wir sind der Sternenstaub

Uns liegen Meere zu Füßen

Wir lassen uns die Zehen küssen

von kleinen Ozeanen

Wir sind der Sternenstaub

Keine Sehnsucht nach der Ferne

denn die Blitze geben uns Wärme

und du bist hier bei mir

Verzeih, wenn ich dich frage

Wie wär's, du und ich

wir lassen uns fallen

die Meere werden uns schon fangen

Und du und ich

wir wandern dort umher

wo wir niemals war'n

Und du bist hier bei mir

Wir sind wie Sternenstaub

Wir haben uns auf die Welt getraut

und wandern dort umher

wo wir niemals war'n

Und wenn wir längst vergessen

so flüstern uns die Meere

Du und ich

Wir sind der Sternenstaub

Du und ich

Du und ich

Und du bist hier bei mir