EISLAUF

 

Ich bin das zweite Mal über Eis gelaufen. Ich glaubte, ich würde einbrechen und eine Gänsehaut zog sich über meinen ganzen Rücken. Dann habe ich entschlossen, ein schöneres Bild in meinem Kopf entstehen zu lassen. Ich weiß jetzt, wie sich eine Meerjungfrau mit den Fischen unterhält und wo man unten den besten Kaffee trinkt.

 

 

♦Das Wasser war eiskalt an diesem Tag. Ich hatte lange nicht so sehr gefroren. Wenn ich die Flossen nicht schnell genug bewegte, dann hatte ich das Gefühl, als bekämen sie einen blauen Schimmer von der Kälte. Eigentlich mochte ich es nicht, so nah an der Wasseroberfläche zu schwimmen.Meine langen Haare verfingen sich in den Schilfwurzeln, wenn ich nicht vorsichtig genug an ihnen vorbei zog. Außerdem waren die Fische hier oben sehr viel unfreundlicher und mochten es nicht, wenn man vor sich her sang. Ich liebte es zu singen, vor allem in den Grotten, wo ich ein wunderbares Echo hatte. Aber hier hatte ich es mir nun verkniffen, nachdem ich den letzten garstigen Blick geerntet hatte. Ich wollte eigentlich nur schnell nach Luft schnappen, und die Sonne für einen Moment auf der Haut spüren, aber irgendwie hatte ich mich verirrt. Die Wasseroberfläche war vollkommen gefroren, sodass sich über mir eine dicke Eisschicht erstreckte. Doch am Uferrand gab es ein Loch, das genau groß genug war, um kurz den Kopf nach oben zu strecken. Ich hatte es gefunden, das Prickeln der Sonnenstrahlen auf meinen Schuppen gefühlt und war dann wieder abgetaucht. Dummerweise in die falsche Richtung.

Ich kannte meine Schwächen. Deshalb atmete ich tief ein und aus, um nicht einen Moment in Panik zu versinken. Ich war stolz darauf, dass es mir gelang und ich, außer meinem verrückten Atem, innerliche Ruhe verspürte. Doch nun wusste ich noch immer nicht, wohin ich schwimmen sollte. Eigentlich fand ich es aufregend neue Wege zu erkundigen. Ich machte das oft und entdeckte so immer wieder wunderschöne Grotten und Felsenhöhlen. Aber heute hatte ich dafür keine Zeit. Ich musste rechtzeitig zurück sein. Ich musste die Seepferdchen füttern.

Und als ich schon damit rechnete, dass ich es nicht schaffen würde und die armen Tiere hungern mussten, da kam die Lösung zu mir geschwommen. Ein kleiner kugelrunder Fisch mit dicken Flossen und großen Augen zog in einem Kreis um mich herum. „Hey, du!“, rief ich ihm zu. Erschrocken stoppte er neben mir und sah mich unsicher an. „Ich brauche deine Hilfe. Ich habe mich verirrt.“, erklärte ich ihm meine Situation. Er verstand und lächelte. Ohne ein Wort zu sagen, gab er mir zu verstehen, ihm zu folgen. Ich war etwas verwirrt, aber zuckte die Schultern und schwamm ihm hinterher. Er schien ganz genau zu wissen, woher ich kam. Er führte mich geradewegs nach Hause, wo die Seepferdchen ungeduldig gegen das Gitter schlugen. Als ich mich bedanken wollte, und mich nach ihm umdrehte, war er schon davon geschwommen. Ich hatte noch nicht einmal seinen Namen erfahren, so schnell war alles gegangen. Tatsächlich hatte ich nicht einmal verstanden, warum er mir half und wieso er wusste, wohin ich wollte. Es war mir so merkwürdig vorgekommen, dass ich noch den ganzen Abend darüber nachdachte. Bis ich plötzlich zu dem Entschluss kam, ihm zu danken. Ich tat es in meinen Gedanken und schickte ihm ein großes Stück einer Alge, das die Fische doch am liebsten aßen. Ich sah ihn, wie er genüsslich hinein biss und mir sein Lachen schenkte.

Manchmal müssen wir es nicht aussprechen, manchmal fühlen unsere Helfer, was wir brauchen. Manchmal gibt es sie in Form eines kugelrunden Fisches und manchmal sind sie die Blasen eines aufsteigenen Ungeheuers, die mir ein Zeichen geben. Und an diesem Abend fühlte ich mich unglaublich geborgen und frei, so wie schon lange nicht mehr.♦

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